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Wo zu wenig Restwasser im Fluss bleibt, verschwindet ein dynamischer, lebendiger Wasserlebensraum. Zurück bleibt ein trockenes Flussbett. Bild: © Aqua Viva

Interview aus aqua viva 3/2025

Flüsse brauchen Wasser

Wasser ist keine Selbstverständlichkeit und der Druck auf die Fliessgewässer ist hoch. Wasserentnahmen für Stromerzeugung und Landwirtschaft hinterlassen Flüsse mit minimalen Wasserständen, manchmal sogar ganz ohne Wasser. Lebensraum für bis zu 80 Prozent der heimischen Tier- und Pflanzenarten ist dadurch stark gefährdet. Darüber sprechen wir mit Esther Leitgeb, Bereichsleiterin Gewässerschutz bei Aqua Viva.

Das Gespräch führte Christine Ahrend

Frau Leitgeb, welche Funktionen erfüllt ein natürlicher Fluss, wenn er ausreichend Wasser führt? Und warum sind diese für Mensch und Natur gleichermassen wichtig?

Flüsse sind Lebensadern – sie bringen Nährstoffe und Feuchtigkeit ins Land. Sie lassen die Vegetation gedeihen. Unsere Flüsse versorgen uns mit Trinkwasser und bewässern Felder, sie kühlen die Umgebung, bieten Erholung und Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Trocknet ein Fluss aus, wird es brenzlig für das Leben im Wasser und ausserhalb.

Die gesetzlichen Restwasserbestimmungen sollen garantieren, dass genug Wasser im Fluss verbleibt. Wie sieht das in der Praxis aus?

Viele Schweizer Flüsse stehen stark unter Druck: Wasser wird für Strom, Landwirtschaft und Industrie entnommen. Das Gewässerschutzgesetz verlangt, dass Kantone Restwassermengen bis 2012 sicherstellen und die Entnahmen sanieren. Der Vollzug hinkt hinterher. Zahlreiche Entnahmen leiten weiterhin bis zu 100 Prozent des Flusswassers aus – auf Kosten der Natur. Die Folge: An die 2700 Flusskilometer führen aufgrund von Entnahmen für die Stromproduktion viel zu wenig Wasser, manche liegen komplett trocken. Ich kann den Leser:innen nur empfehlen: Halten Sie beim nächsten Spaziergang Ausschau nach Stellen, wo Wasser ausgeleitet wird. Sie werden überrascht sein über die Vielzahl der Wasserentnahmen.

Blick auf einen kleinen Fluss mit Kiesbank, wo Menschen spielen und entspannen, der Fluss ist von Bäumen umgeben.
Nasen sind vom Aussterben bedrohte Langstreckenwanderer und schwimmen zur Laichzeit weit die Flüsse hinauf. Wo das Wasser fehlt, ist für sie Endstation. © Dominic Tinner

Der Klimawandel verschärft Trockenheit und Hitze. Warum macht genügend Restwasser unsere Flüsse widerstandsfähiger?

Laut Klimamodellen wird es längere Trockenperioden im Sommer geben, dafür intensivere Regenevents. Fehlt ausreichendes Restwasser, sind lange Trockenphasen für Gewässerlebewesen fatal. Mit mehr Wasser erwärmt sich der Fluss langsamer, Sauerstoff bleibt erhalten und Fische finden Laichplätze und können wandern.

Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf, damit unsere Flüsse ihre Funktionen auch in Zukunft erfüllen können?

An erster Stelle müssen wir Bewusstsein schaffen und ein Umdenken erreichen. Das Wasser gehört in die Flüsse und ist kein unendlicher Selbstbedienungsladen. Der Klimawandel fordert unsere Gewässer zusätzlich. Es gilt, Massnahmen zu ergreifen, damit unsere Lebensadern nicht austrocknen, und Verantwortung zu übernehmen – seitens Politik, Wirtschaft und Bevölkerung. Dafür darf es mehr als das absolute Minimum sein. Noch gibt es Leben im Fluss – damit es so bleibt, müssen wir jetzt handeln.

Kontakt

Esther Leitgeb

Esther Leitgeb

Bereichsleiterin Gewässerschutz,
Geschäftsführerin ARGE Hochrhein

+41 52 625 26 67

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